{"id":460,"date":"2019-10-08T20:08:30","date_gmt":"2019-10-08T20:08:30","guid":{"rendered":"https:\/\/bloomingjules.com\/?p=460"},"modified":"2019-10-08T20:41:14","modified_gmt":"2019-10-08T20:41:14","slug":"atemnot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bloomingjules.com\/?p=460","title":{"rendered":"Atemnot"},"content":{"rendered":"\n<p>Mia\nsitzt im Schatten des Baumes, am Ufer des kleinen gr\u00fcnen Sees. Neben\nsich der schwere Rucksack, mit dem sie nicht ganz zwei Jahre zuvor in\ndieses Land gekommen war. Wie ein vorheriges Leben kommt es ihr nun\nvor, so weit entfernt. Wie nerv\u00f6s sie damals war. Ohne das Land, die\nSprache oder Leute zu kennen, ist sie eingereist. Blo\u00df der dritte\nvon geplanten neun Stops h\u00e4tte dieses Land auf der Route ihrer\nzw\u00f6lfmonatigen Reise sein sollen. Ein bisschen Sprachkurs, ein\nbisschen soziales Engagement, ein bisschen vom Land sehen. Das waren\ndie Ziele. Und doch kam alles anders. Ganz anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nbeobachtet einen Wasserl\u00e4ufer, wie er flink \u00fcber die Oberfl\u00e4che\ngleitet. Zu schnell, um mit den Augen wahrzunehmen, bewegen sich\nseine fragilen Beinchen. Kurz ist sie neidisch auf dessen\nUnbeschwertheit. <br>\nWeit und breit kein Zeichen menschlicher\nExistenz. Keine Bauwerke, keine Ger\u00e4usche, kein L\u00e4rm, keine\nZerst\u00f6rung. Nur die Natur. Die Natur und sie. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Geliebter\nArthur,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>diese\nZeilen zu schreiben schmerzt mich physisch und doch hoffe ich, dass\ndu, wenn sie langsam ausklingen, verstehen und verzeihen kannst. Ich\nmuss dies schriftlich tun, da ich pers\u00f6nlich, Dir gegen\u00fcberstehend,\ndazu nicht in der Lage w\u00e4re. Zu schwach meine Selbstdisziplin, zu\nstark mein Wunsch dich nie verletzt oder leidend sehen zu m\u00fcssen. Zu\nmenschlich meine Sehnsucht nach N\u00e4he, nach deiner N\u00e4he. Zu\nselbsts\u00fcchtig mein Verlangen nach dir, nach unserer gemeinsamen\nZukunft, nach dem Gef\u00fchl, das du mir gibst. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich\nwei\u00df, dass du diese Verbindung genauso sehr willst wie ich. Ich\nwei\u00df, dass du alles erdenklich m\u00f6gliche tun w\u00fcrdest um mich\ngl\u00fccklich zu machen. Und seitdem wir uns begegnet sind, hast du dies\nauch jeden einzelnen Tag versucht, wof\u00fcr ich Dir unendlich dankbar\nbin. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nblickt auf die glatte Wasseroberfl\u00e4che, die jetzt durch schwache\nWindst\u00f6\u00dfe zerrissen wird. Kreisf\u00f6rmige Wellen werden auf ihren Weg\ngeschickt, breiten sich aus, wie Duftschwaden eines abk\u00fchlenden\nKuchens. Die Brise bringt das Blattwerk ringsum zum Rauschen,\nvereinzelt vernimmt Mia den Ruf eines Vogels, sp\u00fcrt die H\u00e4rchen auf\nihren Unterarmen im Wind tanzen, riecht das Wasser und die noch\nleicht feuchte Erde, auf der sie sitzt. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dennoch.\n<\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich\nk\u00f6nnte es mir niemals verzeihen, dich aus dieser wundersch\u00f6nen\nUmgebung, die du kennst wie jede Sommersprosse auf meiner Nase,\nwegzureissen. Ich sehe den Ausdruck in deinem Gesicht, wenn du die\nm\u00e4chtigen Gipfel siehst, die in den fr\u00fchen Morgenstunden blass rosa\nleuchten. Die brennen zu scheinen wie das Funkeln in deinen Augen,\nwenn du wei\u00dft, ein Tag an der Luft, in den gr\u00fcnen H\u00e4ngen und\nklaren W\u00e4ldern liegt vor dir. Ich kenne die Kleinigkeiten, die dich\nstrahlen lassen. Die Momente, in denen du deinen Sohn beim Erkunden\nseiner eigenen kleinen Welt beobachtest, so sehr zufrieden und\nversunken, dass du nichts um euch herum wahrzunehmen scheinst. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich\nsehe dich. Du geh\u00f6rst in seine N\u00e4he. Du geh\u00f6rst hierher.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht\nwar es die schwerste Entscheidung, die sie in ihrem Leben treffen\nmusste. Eine Entscheidung aus Liebe, wie sie wei\u00df. Eine Entscheidung\ngegen die Liebe, wie es von au\u00dfen wirken m\u00f6ge. Doch die wahre\nErkenntnis der Liebe, oder zumindest der f\u00fcr sie unumst\u00f6\u00dflichen\nWahrheit, machte es ihr unm\u00f6glich, die Entscheidung nicht zu\ntreffen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wiederholt\nhast du versucht mich Gegenteiliges glauben zu machen, mir zu\nversichern, dass du dich f\u00fcr mich gerne von hier weg bewegst. Dich\nin die Stadt begibst. In die Umarmung einer dir beinahe g\u00e4nzlich\nfremden Kultur; einer Welt voller Menschen, Moderne und Hektik.\nDennoch wei\u00df ich, dass dies nicht deine Welt ist und vermutlich auch\nniemals werden w\u00fcrde. Ich k\u00f6nnte es mir selbst nicht verzeihen,\ndieses Funkeln in deinen Augen langsam aber sicher erl\u00f6schen zu\nsehen. Ein Spiegel, der mit der Zeit matt und blind wird, sodass man\nsich selbst nicht mehr darin erkennt. Zu beobachten, wie du mit den\nDingen zurechtkommst, weil du musst. Oder weil du denkst zu m\u00fcssen.\nHassen w\u00fcrde ich mich selbst fr\u00fcher oder sp\u00e4ter daf\u00fcr. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine\nKoralle wird nie so farbenfroh leuchten, nie so sch\u00f6n und pr\u00e4chtig\nstrahlen, wie an dem Riff, auf das sie geh\u00f6rt, an dem sie w\u00e4chst\nund gedeiht. Klar, man kann sie abbrechen, dem Ozean entrei\u00dfen und\nversuchen sich ihre Sch\u00f6nheit eigen zu machen, sich selbst zu\nschm\u00fccken, sie um den Hals tragen. Und ganz gleich, wie sch\u00f6n sie\njemandem erscheinen mag, der sie nur als Schmuckst\u00fcck kennt;\nderjenige, der um ihre einzigartige Pracht unter Wasser wei\u00df, wird\nsie f\u00fcr immer dorthin zur\u00fcck w\u00fcnschen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mia\nerinnert sich an ihre erste Begegnung mit Arthur. Als sie nach Luft\njapsend die Treppe in dem kleinen Bergdorf hochstieg, in jeder Hand\nein schwerer Kanister mit Trinkwasser, so sehr konzentriert das\nBisschen Sauerstoff in ihre Lungen zu pumpen und auf die steten\nSchritte um weiterzukommen, dass sie den Mann, der neben der Treppe\nin einem kleinen Garten stand, gar nicht bemerkt hatte. <br>\n\u201eTe\nayudo?\u201c Wie aus dem Nichts stand er pl\u00f6tzlich neben ihr und war\nschon dabei ihr einen Kanister aus der Hand zu nehmen. Mias Spanisch\nwar zu dem Zeitpunkt nach wie vor rudiment\u00e4r, aber dass ihr hier\nHilfe angeboten wurde, soviel verstand sie dann doch. Als deren\nBlicke sich trafen, war Mia als h\u00e4tte sie der Blitz getroffen. Kein\nWort brachte sie heraus, die Luft blieb schlicht weg.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich\nzweifle nicht an deiner Liebe. Ganz im Gegenteil. Noch nie habe ich\nmich so verstanden gef\u00fchlt. Noch nie so geborgen, meine Anwesenheit\nso gesch\u00e4tzt wie von dir. Deine Gabe mich in einem Raum mit hundert\nanderen Personen dennoch wie der einzige Mensch auf diesem Planeten\nf\u00fchlen zu lassen, allein mit der Art, wie du mich ansiehst. Wie du\nmir zuh\u00f6rst. Die Gewissheit, dass ein Tag so schlecht \u00fcberhaupt nie\nsein k\u00f6nne, solange ich ihn an deiner Seite beenden w\u00fcrde, deine\nHaut an meiner sp\u00fcre. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Durch\ndich habe ich erfahren wie es sich anf\u00fchlt, wenn man etwas\nbewundernswert findet, das man zuvor noch als Schw\u00e4che bem\u00e4ngelt\nh\u00e4tte. Du hast mich gelehrt zu lieben und zu akzeptieren, mich\nselbst miteingeschlossen. So wie ich bin und damit andere, so wie sie\nsind. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Albert\nEinstein, die Zunge herausstreckend,prangte von ihrem Shirt, das so\nausgeleiert und verwaschen war, dass sie es nur noch als Schlafshirt\nverwendete. Als Arthur sie damals, beim Morgenkaffee fragte, wer wohl\nder verr\u00fcckte Alte auf ihrem Shirt war, lachte sie ihn erstmal aus.\nSie konnte nicht glauben, dass ein Mann seines Alters und seiner\nIntelligenz noch nie von Einstein geh\u00f6rt hatte. Arthur war offen und\ninteressiert, bat sie ihm von diesem Mann zu erz\u00e4hlen. Sie erkannte\nihren Hochmut, und sch\u00e4mte sich daf\u00fcr. Arthur wusste \u00fcber jedes\nKraut gegen alle erdenklichen Beschwerden, wusste, wie man\nLebensmittel ohne Chemie oder ausgereifter Technik haltbar machte,\nkonnte jedes Werkzeug, dass er auf den steilen H\u00e4ngen brauchte,\nselbst bauen. Er erkl\u00e4rte ihr Sternbilder, erz\u00e4hlte oft dar\u00fcber,\ndass bereits die Inka erdbebensicher gebaut hatten, \u00fcber heilige\nTiere und die Verbundenheit zur Erde. Nicht nur einmal geschah es,\ndass Mia sich als ungebildet und ignorant f\u00fchlte, neben ihm, doch\nniemals h\u00e4tte er ihr Unwissen herablassend kommentiert oder sie gar\nausgelacht.<br>\nIn einem Dorf auf 4200m Seeh\u00f6he, mit 200\nEinwohnern, einer kleinen Kirche, in der tags\u00fcber der\nSchulunterricht stattfand, wusste vermutlich niemand wer Einstein\nwar. Und es war auch vollkommen irrelevant.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die\nletzten 20 Monate hier mit dir waren die sch\u00f6nsten, die ich bisher\nerleben durfte, und gleichzeitig geh\u00f6rten sie auch zu den\nanstrengendsten. Wer vermutet denn schon ein Lungenemphysem aus\nheiterem Himmel bei sich selbst? \u201eUm zu wissen, was einem guttut\nmuss man\u2018s ausprobieren\u201c, hat meine Oma immer schon gesagt. Ich\nwei\u00df, wie gut du mir tust, genauso wie ich wei\u00df, dass die H\u00f6henluft\nmich mein Leben kosten k\u00f6nnte, w\u00fcrde ich bleiben. Genauso wie du\nmir beim ersten Augenkontakt den Atem geraubt hast, so hat die Luft\ndeiner Heimat mich oft mit Atemnot zu Boden sinken lassen. Ersteres\nw\u00fcrde ich gern an allen weiteren Tagen wieder erleben, letzteres\nw\u00fcrde dies aber nicht zulassen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Noch\nnie war mir jemand so wichtig wie du es bist. Und genau aus diesem\nGrund muss ich gehen. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Alleine.\n<\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Und\ndich der Person, mit der du f\u00fcr immer verbunden bleiben wirst, nicht\nwegnehmen. Deinen Sohn nicht ohne Vater aufwachsen lassen. Dich\ndeiner Heimat, deiner Kultur, deinen Bergen, dem Hochland nicht\nentrei\u00dfen. Dich in eine Welt zu zwingen, die nichts von dem innehat,\nwas du so sehr liebst. Das m\u00f6chte ich nicht. Das kann ich nicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Manchmal\nreicht Liebe wohl schlicht nicht aus.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich erwarte nicht, dass du meine Entscheidung verstehst oder gar meine Meinung teilst. Ich erwarte lediglich, dass du du selbst bleibst mit allem, was ich so sehr an dir liebe. <br>Mia <\/em><br> <\/p>\n\n\n\n<p>Den\nBlick nach wie vor auf\u2018s Wasser gerichtet, wischt sie sich eine\nTr\u00e4ne von der Wange. Gedankenverloren fasst sie immer wieder an die\nStelle an ihrem Finger, an der sie bis vor wenigen Stunden noch einen\nRing getragen hatte. Einen Ring, der soviel mehr sein sollte, als ein\nSchmuckst\u00fcck. Ein Versprechen. Ein Zeichen der Zugeh\u00f6rigkeit. Das\nsichtbar gewordene Band, das die unsichtbare Verbindung zweier\nMenschen symboltr\u00e4chtig zur Schau stellt. Ein Band, das\nunmissverst\u00e4ndliche Signale an die Aussenwelt sendet und dennoch bei\nso vielen seiner Tr\u00e4ger mehr Schein als Sein ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\neinem Blick auf die Armbanduhr an ihrem Handgelenk, rafft Mia sich\nauf, und geht die drei Schritte zu dem Rucksack, der an dem Baumstamm\nlehnt. Sie schultert das schwere St\u00fcck, und dreht sich noch einmal\num. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Den\nBlick auf das Wasser gerichtet, schlie\u00dft sie nun die Augen und f\u00fcllt\nihre schmerzenden Lungen bis in die verzweigtesten Ver\u00e4stelungen mit\nder aromatischen Bergluft. Tief in ihrer Brust f\u00fchlt sie eine W\u00e4rme,\ndie sich auszubreiten beginnt, wie dickfl\u00fcssige Lava, die gem\u00e4chlich\nden Hang hinabrollt. Mit einem wehm\u00fctigen letzten Blick\nverabschiedet sie sich voller Dankbarkeit von diesem Abschnitt ihres\nLebens, bevor sie sich mit dem Anflug eines L\u00e4chelns auf den Lippen\nauf ihren Weg macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mia sitzt im Schatten des Baumes, am Ufer des kleinen gr\u00fcnen Sees. Neben sich der schwere Rucksack, mit dem sie nicht ganz zwei Jahre zuvor in dieses Land gekommen war. Wie ein vorheriges Leben kommt es ihr nun vor, so weit entfernt. Wie nerv\u00f6s sie damals war. Ohne das Land, die Sprache oder Leute zu kennen, ist sie eingereist. 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